Elagabal: Im Schutz des falschen Gottes

Heute vor 1800 Jahren reichte es den Soldaten mit ihrem Kaiser. Elagabal, der Fanatiker, von dem es hieß, dass er in Frauenkleidern Prostitutierte spielte, war in seiner Mission grandios gescheitert.

Eine üblere Nachrede hatte wohl kaum ein Kaiser. Unter all den schlechten Herrschern, die das Imperium Romanum während der Jahrhunderte seines Bestehens erdulden musste, gilt Elagabal (204–222) als einer der schlechtesten. Das zügellose – in den Augen konservativer Römer: widernatürliche – Sexualleben des Kaisers, sein Hang zu Frauenkleidern, die Vorliebe für gut gebaute Männer aus niederem Stand, die zahlreichen Freveltaten gegen gleich mehrere römische Gottheiten, vor allem aber der fanatische Eifer, mit dem er sich als Priester einer syrischen Gottheit an die Neuordnung des römischen Götterhimmels machte, erfüllten schon seine Zeitgenossen mit Abscheu.

Sie nannten ihn, der mit gerade einmal 14 Jahren zum Kaiser geworden war und heute vor 1800 Jahren ermordet im Tiber trieb, den »falschen Antoninus« oder, um seine Fremdartigkeit zu unterstreichen, »Sardanapal«, schimpften ihn einen Lustknaben und Tyrannen zugleich, warfen ihm seinen Luxus, seine Orgien, seine Homosexualität und seine Schamlosigkeit vor, kurz: sein ganzes Gebaren.

Dass der Kaiser aber auch noch seinen eigenen Gott an Stelle Jupiters zum höchsten des römischen Pantheons erhob und sich in obskuren Riten erging, löste bei den antiken Geschichtsschreibern und wohl auch bei den meisten Zeitgenossen Entsetzen aus.

Von seiner eigenen Sicht der Dinge wissen wir heute nichts mehr. Andere schrieben über den jungen Mann, der möglicherweise eine Frau sein wollte, und eigentlich Varius Avitus Bassianus hieß, als Kaiser den Namen Marcus Aurelius Antoninus annahm – und dem erst die Nachwelt den Namen jenes Gottes gab, dem er sich verschrieben hatte: Elagabal.

Neben zeitgenössischen Münzen, Inschriften und Papyri stehen der Forschung zum Leben und Wirken des Kaisers drei literarische Quellen von unterschiedlicher Güte zur Verfügung. Als unzuverlässigste unter diesen gilt die »Historia Augusta«, eine um 300, somit Jahrzehnte nach Elagabals blutigem Ende, entstandene Sammlung von Kaiserbiografien. Der Autor der darin enthaltenen »Vita Heliogabali« hatte aber wahrscheinlich Zugriff auf ein älteres Werk und damit auch auf einige verlässliche Informationen. Die beiden bedeutendsten literarischen Quellen wurden jedoch von zwei Männern geschrieben, die zur Zeit Elagabals lebten und aus ihren persönlichen Erinnerungen schöpfen konnten: Cassius Dio und Herodian. Allerdings befanden sie sich während der Regierungszeit Elagabals nicht im Zentrum des Geschehens, Rom, sondern bezogen ihr Wissen vor allem von Gewährsleuten und aus Berichten.

Die Oberschicht wendet sich mit Grausen ab

Cassius Dio (um 163–235) hatte schon unter Elagabals Vorgängern eine glänzende Karriere in verschiedenen Ämtern durchlaufen und diente während der Herrschaft des Teenagers fern der Hauptstadt als hoher Verwaltungsbeamter in einer kleinasiatischen Provinz. Zugleich war Dio dank des Ansehens, das er als elder statesman seiner Ära genoss, mit der Elite des Reichs bestens vernetzt und daher auch dementsprechend gut informiert. In seiner »Römischen Geschichte« berichtete er aus der Sicht eines traditionsbewussten Römers aus dem Senatorenstand, was er aus eigener Anschauung über die Regierungszeit Elagabals wusste oder was ihm zugetragen worden war. Darüber hinaus war er ein Vertrauter von Elagabals Cousin, Rivalen und Nachfolger Severus Alexander (regierte 222–235) und schrieb daher, auch um diesem zu gefallen, voller Abscheu und gewürzt mit so mancher Übertreibung von den Untaten des in seinen Augen unwürdigen Vorgängers.

Auch der Historiker Herodian (etwa 175–250) war ein Zeitzeuge, entstammte allerdings nicht dem Senatorenstand. Wahrscheinlich war er ein Freigelassener aus Kleinasien oder Syrien, möglicherweise ein einfacher Beamter in Antiochia. Er schrieb eine »Geschichte des Kaisertums nach Mark Aurel« in griechischer Sprache, in der er manche Aspekte der Herrschaft Elagabals genauer beleuchtet, die bei Dio zu kurz kommen. Während dieser beispielsweise den syrischen Kult des Kaisers nur streift, hielt Herodian diesen äußerst facettenreich für die Nachwelt fest. Dankenswerterweise muss gesagt werden, trotz aller auch hier sehr wahrscheinlichen Übertreibungen, denn gerade dieser Kult war wohl bestimmend für die Lebensweise und Politik des Herrschers.

Die Quellen sind sich einig darin, was von dem Kaiser zu halten ist – nämlich nichts. Selbst in einfachen, noch nicht einmal unmittelbar ihn und sein Handeln betreffenden Schriftstücken wird der Kaiser quasi im Vorübergehen beschimpft. So in zwei aus der Zeit Elagabals stammenden Papyri, die bei archäologischen Ausgrabungen in der für derartige Funde berühmten antiken Stätte Oxyrhynchos in Oberägypten entdeckt wurden. Der Verfasser einer astrologischen Tabelle für die Jahre 217 bis 218 etwa hatte eine Datumsangabe mit einem Hinweis auf den »kleinen ruchlosen Antoninus« präzisiert. Der Autor eines Horoskops wiederum bezeichnete den Kaiser als »koryphos«, was hier vermutlich abschätzig Lustknaben bezeichnet.

Den sexuellen Vorlieben des Kaisers widmen sich die Geschichtsschreiber ausgiebig, etwa indem sie davon berichten, der jugendliche und offenbar bi- oder homosexuelle Herrscher habe sich die Bett- und Tischgenossen nach der Größe ihres Glieds erwählt und sich ihnen schamlos und öffentlich hingegeben. Außerdem habe er mit unzähligen Frauen verkehrt, vor allem jedoch, um an ihnen das weibliche Sexualverhalten zu studieren – und bei nächster Gelegenheit seine männlichen Liebhaber noch besser zu beglücken.

»Er besuchte auch die berüchtigten Bordelle, vertrieb die Prostituierten und übernahm selbst deren Aufgaben«(Cassius Dio)

Der Palast bekommt ein Bordellzimmer

Von diesen hatte er offenbar eine ganze Menge. »Zur nächtlichen Stunde pflegte er mit einer Perücke in die Schenken zu gehen und die Geschäfte von Hökerweibern zu betreiben«, so empörte sich Dio. »Er besuchte auch die berüchtigten Bordelle, vertrieb die Prostituierten und übernahm selbst deren Aufgaben.« Schließlich habe der schamlose Kaiser sogar einen Raum im Palast zu genau diesem Zweck umgewidmet, an dessen Tür er sich »nackt wie die Huren« stellte, »die Vorübergehenden mit sanfter und schmelzender Stimme« verlockend zu sich einlud.

Homosexualität unter Männern war in Rom zwar nicht so wohl gelitten wie bei den alten Griechen, doch wurde sie auch nicht grundsätzlich geächtet – sofern die »Männlichkeit« gewahrt blieb. Dass etwa ein Mann aus dem Senatorenstand beim Geschlechtsakt mit einem anderen freiwillig den passiven Part einnahm, war nicht vorgesehen. Wenn aber ausgerechnet der Princeps, der erste Mann im Staat, genau diese Rolle genoss und sich damit sogar noch in aller Öffentlichkeit brüstete, war dies unerhört. Elagabal hatte zudem einen ausgesprochenen Hang dazu, Geschlechtergrenzen zu überschreiten. Er trug Frauenkleider, zupfte sich die Barthaare, schminkte sich und tat auch sonst alles, »um noch mehr einer Frau zu gleichen«. Und schlimmer noch: »Er hatte sich sogar mit dem Gedanken getragen, seine Genitalien entfernen zu lassen.« Der Kaiser, so Dio, habe jenem Arzt eine hohe Belohnung versprochen, dem es gelänge, ihm operativ eine Vagina einzusetzen. Und das in Rom, wo schon die Beschneidung von Knaben als widerwärtig und verwerflich galt.

Von Kaisern wurde erwartet, dass sie möglichst jene Herrschertugenden pflegten, die bereits auf dem Ehrenschild des ersten Princeps Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) prangten: virtus, clementia, iustitia und pietas, also Vortrefflichkeit, Milde, Gerechtigkeit und eine fromme Gesinnung. Offensichtlich widersprach Elagabal in den Augen seiner antiken Biografen diesem Ideal auf ganzer Linie. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Autoren vermutlich maßlos übertrieben und dass der Vorwurf sexueller Abartigkeit ein wiederkehrendes Element in der Beschreibung eines schlechtes Kaisers war, ist die schiere Fülle an Berichten über Zügellosigkeiten doch ungewöhnlich. »Wenn solche Unterstellungen in den literarischen Quellen so massiv auftreten, dann muss sich hinter diesen Berichten über die reine Topik hinausgehend doch ein wahrer Kern verbergen«, meint Klaus Altmayer. Der Althistoriker gehört zu der weltweit zwar wachsenden, aber immer noch überschaubaren Schar von Forschern, die sich der Person des exzentrischen Priesterkaisers widmen.

Lange Zeit wurde Elagabal in der Altertumskunde eher übergangen. Fast so, als hätte der britische Historiker und Aufklärer Edward Gibbon bereits am Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Werk »The History of the Decline and Fall of the Roman Empire« schon alles gesagt, was es zu über »Elagabals Laster und Torheiten« zu sagen gibt, dass nämlich ihre »unbeschreibliche Niedertracht alles, was aus anderen Zeiten oder Ländern überliefert ist«, übersteige. In den 1990er Jahren setzte in der Forschung ein anhaltender Trend ein, gerade die Biografien verfemter, besonders übel beleumundeter Persönlichkeiten aus der Antike, etwa die der ausgewiesen schlechten Kaiser Nero oder Caligula, unter Berücksichtigung möglichst vieler Aspekte neu zu beleuchten – und mitunter überraschend positiv zu bewerten. Im Zuge dessen nahm in den letzten Jahren auch das wissenschaftliche Interesse an Elagabal zu – vor allem an seiner Religionspolitik.

Erstaunlicherweise erfahren weder die Hingabe, mit der Elagabal anscheinend öffentlich und permanent Geschlechtergrenzen überschritt, noch sein offen bekundeter Wunsch, eine Frau zu werden, besondere Aufmerksamkeit in der gegenwärtigen Forschung – jedenfalls nicht in dem Rahmen, der in Zeiten von Gender Studies auch in der Altertumskunde zu erwarten wäre. Fachleuten zufolge könnten die sexuellen Ausschweifungen des Kaisers mit dem Kult seines Gottes in Verbindung stehen. »Es existierten in römischer Zeit sehr wohl einige orientalische Kulte, bei denen Tempelprostitution beiderlei Geschlechts zum Ritus gehörte«, so Altmayer. »Doch waren dies ausnahmslos Kulte von weiblichen Fruchtbarkeitsgöttinnen.« Und nicht von männlichen Sonnengottheiten.

Ein »monströser« Wunsch

Auch der in den Quellen behauptete Wunsch des Kaisers, sich selbst zu entmannen, könnte rituelle Hintergründe haben. Bekannt ist beispielsweise die Selbstkastration bei Priestern der kleinasiatischen Göttin Kybele. Inwieweit vergleichbare Praktiken auch im Kult des syrischen Gottes Elagabal Anwendung fanden, ist jedoch ebenso unbekannt wie die übrigen Elemente seines Ritus. Für die Römer war das alles jedenfalls mehr als bizarr. »Der Gedanke, der Kaiser würde sich einer rituellen Selbstkastration unterziehen, musste vollkommen monströs erscheinen«, meint Altmayer.

Doch wenn es etwas gab, was seine Zeitgenossen und Biografen noch mehr empörte als alle Ausschweifungen und Eskapaden des Kaisers, so war es sein ganz und gar ernst gemeinter Versuch, die Gottheit, deren Priester er war, über die traditionellen römischen Götter zu erheben. Bis vor Kurzem wurde angenommen, der im syrischen Emesa geborene Varius Avitus Bassianus sei in frühester Kindheit zum Oberpriester des dort verehrten Sonnengottes Elagabal geweiht und ausschließlich für diese Aufgabe nur in diesem Sinn ausgebildet worden. Als er jedoch plötzlich und unerwartet mit nur 14 Jahren Kaiser wurde und nach Rom zog, soll es zum unvermeidlichen Zusammenprall der Kulturen gekommen sein. Der mit römischen Sitten und Gebräuchen nicht vertraute Kaiser sei daher Bestandteil und Ausdruck eines umfassenden kulturellen Missverständnisses, lautete eine Deutung.

Die neuere Forschung zeichnet allerdings ein ganz anderes Bild. »Elagabal wurde mitnichten in Emesa von Kindesbeinen an zum Priester erzogen«, sagt der Althistoriker Altmayer. »Die ersten Jahre muss er in Rom und der näheren Umgebung verbracht haben.«

Daraufhin deuten zum einen Passagen in den literarischen Quellen. So schrieb sogar Herodian, dem als Grieche in Antochia daran gelegen war, das Fremdartige am Kaiser hervorzuheben, er sei bei seiner Mutter und Großmutter aufgewachsen. Diese aber lebten zur fraglichen Zeit am Kaiserhof in Rom – dazu gleich mehr. Zudem wurde in der italienischen Stadt Velletri nahe Rom, dem antiken Velitrae, der Sarkophagdeckel des Vaters von Elagabal, Varius Marcellus, gefunden. Der Villenvorort in den Albaner Bergen diente der römischen Oberschicht als Rückzugsort während der drückend heißen Sommermonate. »Aus der Bestattung des Varius Marcellus an diesem Ort ist zu folgern, dass die Familie dort ein Refugium besaß«, erklärt Altmayer. Eine Familie aber, die eine Villa bei Rom ihr Eigen nannte, die lebte auch in Rom – zumal wenn sie Verbindungen zur herrschenden Dynastie der Severer hatte.

Elagabal gehörte zum Haus der Severer

Begründet hatte die Linie Septimius Severus (146–211), ein aus Leptis Magna in Nordafrika stammender Legionskommandant, der sich 193 in Carnuntum von pannonischen Truppen zum Kaiser ausrufen ließ. Dem bis dahin militärisch nicht besonders auffällig gewordenen Mann gelang es, die neu erworbene Macht gestützt auf seine Legionen nicht nur zu festigen, sondern sie trotz einiger Spannungen mit dem Senat auch fast 20 Jahre lang zu behalten. Septimius Severus war in zweiter Ehe mit Julia Domna verheiratet, der ersten einer Reihe bedeutender Julien in Elagabals Leben. Sie stammte aus Emesa, wo bereits ihr Vater das offenbar erbliche Amt des obersten Elagabalpriesters ausgeübt hatte. Julia Domna war in Begleitung ihrer Schwester, Julia Maesia, und deren zwei Töchtern an den römischen Hof gekommen. Die ältere der beiden, Julia Soaemias Bassiana, brachte 204 Varius Avitus Bassianus zur Welt.

Vermutlich hatte der syrische Zweig des Kaiserhauses auch den Kult des emesischen Sonnengottes mit nach Rom gebracht. »Ihre syrischen Wurzeln und die Verbundenheit mit der heimischen Götterwelt verleugnete die Familie Elagabals keinesfalls«, meint Altmayer. »Das erklärt jedoch nicht seine spätere fanatische Hinwendung zum Sonnengott und seine vehement gegen die römischen Traditionen verstoßende Religionspolitik.«

Nach dem Tod von Septimius Severus 211 lieferten sich dessen Söhne Caracalla und Geta einen blutigen Kampf um die Nachfolge, bei dem Elagabals Vater verlässlich dem ersteren beistand. Als schließlich Caracalla den Thronstreit dadurch entschied, dass er den Bruder in den Armen ihrer gemeinsamen Mutter Julia Domna ermordete, stand die Familie dem neuen Kaiser noch näher als zuvor. Als jedoch der kinderlose Caracalla 217 seinerseits einem Mordanschlag zum Opfer fiel und sich dessen Initiator, der Prätorianerpräfekt Macrinus, zum Kaiser erklären ließ, befand sich Varius Avitus Bassianus einerseits als ältester Junge innerhalb der Dynastie der Severer ganz oben in der Thronfolge, andererseits aber gerade deshalb in Lebensgefahr.

Wider Erwarten krümmte der Usurpator Macrinus jedoch der Familie kein Haar, ordnete lediglich deren Rückkehr nach Emesa an. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich sehr bald herausstellen sollte. Denn während die leidgeprüfte Julia Domna es vorzog, sich aus Gram zu Tode zu hungern, arbeitete ihre Schwester Julia Maesa daran, der Sippe die verloren gegangene Macht zurückzuerobern. Zunächst ließ sie ihren Enkel Elagabal in der alten Heimat zum Oberpriester des Sonnengottes weihen.

Flucht in den Tempel

Der Junge, der in der Hauptstadt des Imperiums aufgewachsen war, verbrachte die nächsten Monate hinter den Mauern eines Tempels in Emesa und wurde im Kult seines Gottes unterwiesen. Unterdessen machten seine Mutter und Großmutter gemeinsam mit Helfern unter den dort versammelten Legionären Geldgeschenke und verbreiteten das Gerücht, der Knabe sei der uneheliche Sohn des bei den Truppen äußerst beliebten Caracalla. »Die Soldaten besuchten immer wieder die Stadt und gingen zum Tempel, wo sie den Jüngling mit viel Freude anschauten«, berichtet Herodian. Am 16. Mai 218 war es so weit. Die Soldaten der zu diesem Zeitpunkt bei Emesa stationierten dritten Legion riefen Elagabal per Akklamation zum Kaiser aus.

Macrinus erkennt zunächst das drohende Unheil nicht und schickt anfangs nur wenige Soldaten gegen seinen Rivalen, die auch umgehend zurückgeschlagen werden. Beim nächsten Anlauf kommt es zur Entscheidungsschlacht, und diesmal ist das Kriegsglück auf Seiten des Usurpators. Das Schicksal Elagabals wäre beinahe besiegelt gewesen, hätten nicht seine Mutter und Großmutter persönlich ihre bereits fliehenden Soldaten zum Weiterkämpfen angefeuert. »Dazu kam noch, dass man sah, wie der Knabe selbst das kleine Schwert, mit dem er gegürtet war, zückte und auf einem Pferde und in einem Galopp, wie ihn nur eine Gottheit einzugeben vermochte, entlangsprengte, als wolle er sich auf die Feinde stürzen«, schrieb selbst Cassius Dio beeindruckt, der sonst kaum ein gutes Haar an dem Kaiser ließ. Macrinus sieht die Schlacht verloren und flieht, wird jedoch bald gefasst und hingerichtet.

Elagabal aber ist nun Kaiser und macht sich auf die lange Reise nach Rom, die einer Prozession geglichen haben muss. Denn der neue Herrscher nimmt auch seinen Gott mit, oder, um genauer zu sein: den schwarzen Kultstein des Gottes. »Den Gott selbst setzte er auf einen Wagen. Den Wagen ließ er sechsspännig von sehr großen Schimmeln ziehen, wobei die Zügel kein Mensch führte, sondern sie waren dem Kultbild selbst als Wagenlenker umgehängt«, beschrieb Herodian einen ähnlichen Umzug, der allerdings in Rom stattfand. »Antoninus aber lief vor dem Wagen rückwärts schreitend, blickte auf den Gott und führte die Pferde am Zaum.«

Jeden Morgen ein Blutbad mit Tanz

In Rom angekommen widmet sich Elagabal neben seinen Ausschweifungen ausschließlich der Verkündung und Verehrung seines Gottes. Nach und nach entzieht sich der jugendliche Herrscher der Kontrolle seiner Mutter, Großmutter und anderer Vertrauter, die ihm zu Zurückhaltung raten. Er lässt, das haben auch archäologische Ausgrabungen bestätigt, einen Jupitertempel auf dem Palatin direkt neben den Kaiserpalästen in ein Heiligtum für seinen Sonnengott um- und ausbauen. Dort hält er zum Erstaunen der Römer täglich persönlich Rituale ab. »Jeweils am Morgen trat er auf, schlachtete ganze Hekatomben von Stieren und eine große Menge Schafe, die er auf Altäre legte, und er häufte vielfältiges Räucherwerk dazu«, notiert Herodian. Ströme von Wein und Blut seien während der allmorgendlichen Gottesdienste geflossen, zwischen denen der Priesterkaiser gekleidet in kostbare orientalische Gewänder Kulttänze aufführte, »und Tänzerinnen seiner Heimat tanzten mit ihm zusammen, liefen um die Altäre herum und trugen Zimbeln und Trommeln in den Händen«.

Der Kult mag den Römern zwar bizarr erschienen sein, ganz so fremd war er denn doch nicht. So war von Mark Aurel (121–180), dem allseits verehrten Philosophen auf dem Kaiserthron, bekannt, dass er massenhaft Tieropfer darbringen ließ. »Das Ärgernis bestand hierbei nicht darin, dass er einen fremden Gott in Rom einführte oder auf ganz ungewöhnliche Art auszeichnete, sondern dass er ihm einen Platz vor Jupiter selbst einräumte«, meinte daher auch Cassius Dio.

Elagabals religiöse Revolution beschränkte sich derweil nicht auf Tempel allein – sondern auch auf ihr Personal. Von den vier offiziellen Hochzeiten, die er in den vier Jahren seiner Herrschaft mit Frauen einging, unabhängig von den Männern, deren »Gemahlin« er selbst geworden war, feierte er zwei mit der Vestalin Julia Aquilia Severa. Für einen Kaiser, der sich in erster Linie als oberster Priester verstand, war die Verbindung mit einer der höchsten Priesterinnen Roms naheliegend. Für die Römer aber stellte sie einen beispiellosen Affront gegen jede Tradition dar, waren die der Vesta geweihten Frauen doch zu strengster Enthaltsamkeit verpflichtet. Verstießen sie gegen dieses Gebot, drohte ihnen als Strafe, lebendig eingemauert zu werden.

»Er trieb sein Spiel aber nicht nur mit Menschenhochzeiten, sondern suchte auch für den Gott dem er diente, eine Frau«, vermerkt Herodian entrüstet. Die fand er in der karthagischen Urania, die er aus Nordafrika in seinen Tempel, das Elagabalium überführen ließ.

Das römische Pantheon war seit jeher offen für Neues

Was aber veranlasste einen römischen Kaiser dazu, sich derart kompromisslos gegen alle Traditionen und Götter der Römer aufzulehnen, und mehr noch: diese zu Dienern eines obskuren Gottes aus Syrien herabstufen zu wollen, der in Form eines Steins angebetet wurde? Warum versuchte der Teenager von allen Ratschlägen unbeirrbar, diesen Gott unbedingt über die Olympier zu stellen? Es wäre doch gar nicht nötig gewesen.

In religiösen Dingen waren die Römer im Grunde weitgehend tolerant. Auf eine Gottheit mehr oder weniger kam es nicht an. Schon seit Jahrhunderten war das Imperium gut damit gefahren, die Vertreter »fremder« Götterwelten, etwa asiatische und ägyptische Gottheiten wie Kybele oder Isis, in ihr Pantheon aufzunehmen. Auch der syrische Sonnengott Elagabal war längst in der Hauptstadt des Reichs angekommen, hatte seinen Tempel in Rom. Die lange Zeit gültige Erklärung für Elagabals nahezu missionarischen Eifer, es habe sozusagen ein Clash der Zivilisationen zwischen dem orientalischen Kaiser und der römisch-traditionellen Welt stattgefunden, hat sich als unzutreffend herausgestellt. Da der spätere Kaiser in Rom aufwuchs, war er auch standesgemäß nach dem griechisch-römischen Bildungsideal der Oberschicht erzogen worden – keineswegs aber zum fanatischen, orientalischen Oberpriester.

Was also trieb ihn an? Klaus Altmeyer vermutet, dass der junge Varius Avitus Bassianus, während er noch um die Kaiserwürde und die damit verbundene absolute Macht rang, eine Art Erweckung erlebte. Der Gott, in dessen Heiligtum er nach der Ermordung Caracallas Schutz gefunden hatte, dessen oberster Priester er in dieser Zeit geworden war und der ihn zudem in einer für ihn bereits verloren scheinenden Schlacht mit außergewöhnlichem Mut beseelt zum Triumph und an die Spitze des Reichs geführt hatte, dieser Gott musste sein persönlicher Schutzherr sein. »Elagabal betrachtete den Sonnengott von Emesa ganz offensichtlich als seinen Schlachtenhelfer und als Garanten für seine Herrschaft«, meint Altmayer.

»Der Sonnengott von Emesa hatte ihm offenbar das Kaisertum verliehen und schien durch seine Unbesiegbarkeit für den Bestand der Herrschaft zu garantieren«(Klaus Altmayer)

Münzen, die der Kaiser bereits im Sommer 218 in Antiochia ausgeben ließ, also unmittelbar nach dem Sieg über den Usurpator Macrinus, deuten ebenfalls darauf hin. Die Geldstücke hatten neben ihrer offenkundigen Funktion den Vorteil, dass mit ihnen dank Bildsprache und Aufschrift Botschaften übermittelt werden konnten. Sie waren Massenmedien. Auf jenen, die der Kaiser als Geldgeschenk für seine siegreichen Legionen prägen ließ, erscheint der syrische Sonnengott in seiner typisch vermenschlichten Gestalt der römischen Welt als Sol mit Strahlenkrone auf dem Haupt. In der erhobenen rechten Hand aber hält er überraschenderweise zusätzlich ein Blitzbündel – das Herrschaftszeichen Jupiters, des Blitzeschleuderers und eigentlichen Göttervaters im römischen Pantheon. Legionäre aus allen Ecken und Enden des Reichs erfuhren auf diesem Weg, dass fortan der Sonnengott die Attribute der höchsten Gottheit in Händen tragen würde.

Die Münzlegende wiederum, SOLI PROPUGNATORI, benennt die Gottheit ausdrücklich als Fürkämpfer, sprich Schlachtenhelfer. Sollte Elagabal davon überzeugt gewesen sein, sein Gott habe tatsächlich in die Schlacht eingegriffen und ihn zum Herrscher bestimmt, würde dies auch den geradezu missionarischen Eifer erklären, mit dem sich Elagabal während der vier Jahre seiner Herrschaft bedingungslos dem Dienst eben dieses Gottes verschrieb. »Aus diesem Grund stellte der Priesterkaiser seine Funktion als Oberpriester über das Amt des römischen Kaisers«, meint Althistoriker Altmayer. »Der Sonnengott von Emesa hatte ihm offenbar das Kaisertum verliehen und schien durch seine Unbesiegbarkeit für den Bestand der Herrschaft zu garantieren.«

Unbesiegbar in Elagabals Zeichen?

Es war in der Antike durchaus üblich, plötzliche Wendungen des Schlachtenglücks oder andere entscheidende Ereignisse dem Wirken der Götter zuzuschreiben – oder eben einem besonderen Gott. Keine 100 Jahre nach Elagabal sollte ein vergleichbares Erweckungserlebnis immensen Einfluss auf den weiteren Verlauf der römischen wie der Weltgeschichte haben. Als Konstantin der Große im Frühjahr 312 in der entscheidenden Schlacht an der Milvischen Brücke seinen Rivalen Maxentius niederrang, tat er dies im Zeichen des christlichen Gottes. »In hoc signo vincis«, in diesem Zeichen wirst du siegen, sei dem Kaiser zuvor im Traum kundgetan worden, und er habe sich danach gerichtet – der Legende nach ließ er Christusmonogramme auf die Schilde seiner Legionäre malen. Es folgten die konstantinische Wende und letztlich der bemerkenswerte Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion des Römischen Reichs.

Elagabal hingegen – sowohl der Kaiser als auch der Gott – blieb eine Episode. Je zügelloser sich der Herrscher gebärdete, desto mehr wuchs der Unmut innerhalb der wichtigsten Stützen des Reichs. Mit dem Senat hatte er es sich ohnehin verscherzt durch seinen absoluten Machtanspruch. Die Legionen hatten auf einen Feldherrn nach Art seines angeblichen Vaters Caracalla gehofft. »Stattdessen entpuppte sich der Knabe Elagabal als feminin wirkender und schwuler Priesterkaiser, der keine Feldzüge führte, sondern fast ausschließlich damit beschäftigt war, seinem Gott zu opfern und dabei im Reigen mit syrischen Tempeldienerinnen zu tanzen«, so Althistoriker Altmayer.

Der 18-Jährige musste wohl erkannt haben, dass alles auf sein baldiges Ende zulief. Die Familie suchte nach einer Alternative und fand sie in Person von Bassianus Alexianus, dem Sohn der Julia Mamaea, der jüngeren Schwester seiner Mutter. Der Kaiser wurde gezwungen, Alexianus zum Mitregenten zu ernennen, was er auch tat. Als er aber kurz darauf versuchte, seinen Cousin erst abzusetzen und, als dies misslang, zu ermorden, reichte es den Soldaten. Am 11. März des Jahres 222 stürmten sie den Palast, erschlugen Elagabal mit seiner Mutter und der gesamten Entourage, schändeten ihre Leichen und warfen sie in den Tiber, was dem unglücklichen Kaiser mit den vielen Namen einen weiteren einbrachte: Tiberinus. Alexianus aber trat als Severus Alexander die Herrschaft an und ließ als eine seiner ersten Amtshandlungen den Kultstein ohne Pomp nach Emesa zurückführen.

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