Familienleben: Lektion in kognitiver Empathie

Geschwister von Kindern mit einer Entwicklungsstörung können sich besser in die Gedanken anderer hineinversetzen als jene, die mit einem neurotypischen Brüderchen oder Schwesterchen aufwachsen.

Hat ein Kind eine Entwicklungsstörung oder -verzögerung, so ist das eine Herausforderung für die ganze Familie. Lange Zeit beschränkte sich die Forschung zu den Auswirkungen auf die Geschwister vor allem auf die möglichen negativen Konsequenzen. Dies beginnt sich zu ändern. Ein Team um Ariel Knafo-Noam von der Hebräischen Universität Jerusalem hat sich den positiven Aspekten zugewandt, nämlich der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Hierzu identifizierten die Forscherinnen und Forscher unter den Teilnehmenden der Longitudinal Israeli Study of Twins jene 63 Zwillingspärchen, bei denen sich eines der Geschwisterchen beispielsweise im Autismus-Spektrum befand. Diese verglichen sie mit 404 neurotypischen Zwillingen. Als die Kinder elf Jahre alt waren, führten die Wissenschaftler mit ihnen einige kognitive Tests durch, ließen sie sich selbst einschätzen und befragten darüber hinaus ihre Eltern.

Heraus kam, dass Kinder, deren Bruder oder Schwester eine Entwicklungsstörung oder Ähnliches hatte, eine höhere kognitive Empathie (Fähigkeit, auf die Gedanken anderer zu schließen) aufwiesen als die Geschwister nicht entwicklungsverzögerter Kinder.

Keine Unterschiede fanden sich in der emotionalen Empathie (Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen) und im prosozialen Verhalten. Vorherige Studien haben gezeigt, dass kognitive Empathie stärker durch das Umfeld geprägt wird, die emotionale hingegen eher genetisch bedingt ist. Die Autoren und Autorinnen räumen ein, dass die Ergebnisse nur vorläufig sind. Es sollen weitere Untersuchungen in diesem vernachlässigten Forschungsbereich folgen.

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