Ikonizität: Ein rollendes R ist rau wie ein Reibeisen

Zwischen Tastsinn und Vokabular besteht eine Verbindung. So transportiert das R allein durch seinen Klang einen greifbaren Sinn, weshalb Wörter für raue Dinge in vielen Sprachen besonders häufig diesen Laut enthalten.

Rau, ruppig, grob, schroff – all diese Wörter eignen sich nicht nur dazu, um unebene Oberflächen zu beschreiben, ihnen ist auch der /r/-Laut gemein. Zufall? Nein, sagen vier Sprachforscher.

Das internationale Team um Bodo Winter von der University of Birmingham führte verschiedene Experimente durch, die eine bisher unbekannte Form der Ikonizität offenbarten: Das eigentlich an sich bedeutungslose /r/ transportiert scheinbar allein durch seinen Klang einen greifbaren Sinn, weshalb Wörter für sich rau anfühlende Dinge in vielen Sprachen besonders häufig ebendiesen Laut enthalten.

Zunächst analysierten die Linguisten englische Wörter, die Freiwillige zuvor auf einer 15-Punkte-Skala nach ihrer »Schroffheit« sortiert hatten. Enthielten die Wörter ein /r/, klangen sie im Schnitt um 2,75 Punkte gröber. Dass es sich nicht nur um ein Phänomen aus dem angelsächsischen Raum handelt, zeigten die Wissenschaftler anhand ungarischer Wörter, die der finno-ugrischen Sprachfamilie entstammen und mit dem indogermanischen Englisch nicht verwandt sind.

Die anschließende Untersuchung von 332 weiteren Sprachen zeigte, dass der Effekt vor allem dann auftritt, wenn diese auch über ein gerolltes /r/ verfügen: Dann enthalten im Schnitt 37 Prozent der »rauen Wörter« den groben Konsonanten. Die Wahrscheinlichkeit, jenen Laut bei »sanft« oder ähnlichen Beschreibungen zu finden, liegt hingegen nur bei zehn Prozent.

Um zu überprüfen, wie stabil der neu entdeckte Zusammenhang sprachhistorisch ist, betrachteten die Linguisten rekonstruierte Wörter einer indogermanischen Ursprache. Die möglichen Vorläufer von »harsch« oder »ruppig« enthielten fünfmal so häufig ein /r/ wie ihre glatten Gegenteile.

Weil so eine ähnliche Sprache wohl schon vor über 6000 Jahren verbreitet war, schlussfolgert die Forschergruppe, dass ein gerolltes /r/ mindestens genauso lange mit Rauheit assoziiert wird. Die Geschichte dieser Ikonizität erklärt auch, warum der Effekt sogar in Sprachen Bestand hat, in denen das /r/ inzwischen überhaupt nicht mehr gerollt wird. Im Englischen etwa berührt bei dessen Aussprache die Zunge meist nicht den Gaumen, was den sonst so rauen Rohling ganz weich klingen lässt.

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