Heuneburg: Die neue Fürstin vom Bettelbühl

Die Kelten lebten fürstlich. Das zeigen Funde aus der Nekropole Bettelbühl bei der Heuneburg. Darunter: filigraner Goldschmuck, Geschmeide aus Bernstein und zunächst rätselhafte Bronzeplatten.

Wie gewichtig Archäologie sein kann, wissen die Keltologen des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (LAD) nur zu gut. Seit Monaten arbeiten sie sich in einem Speziallabor durch einen etwa 80 Tonnen schweren Block aus Kies, Erde und den Überresten eines Grabschachts der Nekropole Bettelbühl im Kreis Herbertingen.

Die gehört in den Dunstkreis der frühkeltischen Heuneburg, die seit den ersten systematischen Grabungen 1950 eine bemerkenswerte Karriere hinlegte: vom vermeintlich einfachen Fürstensitz am Oberlauf der Donau zum Herz einer fast schon städtisch anmutenden Großsiedlung, einem Machtzentrum mit internationalen Verbindungen.

Der Prähistoriker Dirk Krausse und sein Team sind davon überzeugt, dass die Heuneburg zwischen etwa 620 und 450 v. Chr. als Global Player mit Kulturen des Mittelmeerraums auf Augenhöhe verkehrte. Als der griechische Geschichtsschreiber Herodot zur Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. von einer Keltenmetropole namens Pyrene sprach, meinte er vermutlich das, was wir heute als Heuneburg kennen.

Wo heutzutage Störche ein gutes Auskommen finden, ragten vor rund 2600 Jahren mindestens sieben Grabhügel (Tumuli) auf. Es ist die Nekropole Bettelbühl, drei Kilometer von der eigentlichen Heuneburg entfernt. Der Friedhof, benannt nach dem dort fließenden Bach, war Teil eines dichten Netzwerks aus Höhen- und Talsiedlungen, Begräbnis- und Kultstätten.

Wind, Wetter und Pflugscharen – das Gelände diente jahrzehntelang als Ackerfläche – hatten die beiden nördlichsten Grabhügel völlig eingeebnet, als Archäologen dort bei Feldbegehungen im Jahr 2000 auf interessante Scherben stießen. Zwei Lehrgrabungen gingen dem einige Jahre später nach und brachten Spuren einfacher Bestattungen zum Vorschein: Reste von Keramik, Pfostenlöcher und Gräben. Leider hatte ein saurer, mooriger Boden bis auf einen Knochen alle organischen Substanzen aufgelöst.

Der Sensationsfund im Bachbett

Aufregender wurde es fünf Jahre später. Der Archäologe Siegfried Kurz erblickte bei einer neuerlichen Begehung des Gewanns Bettelbühl eine bronzene Gewandspange, mit Goldfolie umwickelt; dem Stil nach aus der Zeit von 600 bis 540 v. Chr. Auch hier war vom einstigen Grabhügel kaum noch etwas zu sehen. Doch diesmal lag die eigentliche Kammer im Kies der Bachniederung, und das Stauwasser hatte immerhin Teile von Zähnen vor der Zersetzung bewahrt. Sie genügten, um das Alter zu bestimmen: Dort war ein zwei bis vier Jahre altes Kind beigesetzt worden, dem beigegebenen Schmuck nach ein Mädchen. Filigrane Goldanhänger, Glasperlen und anderer Schmuck mehr verrieten, dass es einer Oberschicht angehört hatte, die sich Luxus leistete.

Wenige Jahre später die eigentliche Sensation: Forschende wie Medien bejubelten den Fund der »Fürstin vom Bettelbühl«. Weil der untere Teil ihrer Grabkammer wieder vom Stauwasser des Bachs durchtränkt worden war, erwarteten die Forschenden organische Substanzen. Das LAD entschied sich zu einem ungewöhnlichen Schritt.

Im Dezember 2010 trieb eine Spezialfirma Stahlträger tief unter die Grabkammer, zwei Kräne hoben den winterlich gekühlten 80-Tonnen-Block aus dem Boden auf einen Schwertransporter und brachten ihn ins LAD-Labor nahe Ludwigsburg. Bis 2013 hatten sich Archäologen und Grabungstechniker unter der Leitung von Krausse und der Restauratorin Nicole Ebinger zum Boden der knapp 20 Quadratmeter großen Grabkammer vorgearbeitet. Der filigrane Gold- und Bernsteinschmuck, den sie zu Tage förderten, brachte der Verstorbenen den Titel »Fürstin vom Bettelbühl« ein.

Ihr Todesjahr konnten die Dendrochronologen des Fachgebiets Feuchtbodenarchäologie in Hemmenhofen am Bodensee genau bestimmen: Sie starb im Winter 583/582 v. Chr. Denn den Beilspuren nach waren die Eichen- und Tannenstämme für Boden und Wand der Grabkammer frisch geschlagen worden, abgelagertes Holz splittert anders. Ein Glücksfall für Keltologen. Denn die sonst so hilfreiche Radiokarbondatierung versagt bei Objekten aus dem Zeitraum 800 bis 400 v. Chr. Die Kalibrierungskurve, mit der man C14-Messwerte in Kalenderjahre umrechnet, verläuft in diesem Abschnitt als Plateau, liefert also stets das gleiche Ergebnis. Deshalb datieren Keltologen ihre Funde meist mit Hilfe mühsam erarbeiteter Keramikchronologien und Stilvergleichen an ausgegrabenen Gewandspangen. Oder eben anhand von Baumringmustern, wobei die das Risiko bergen, einen Fund zu alt zu datieren, da Holz noch Jahrzehnte nach dem Fällen wiederverwendet worden sein kann. In diesem Fall aber passte alles.

Die neueste Blockbergung enthält einen Wagen

Es blieb nicht bei einer »Fürstin«. 2020 hat das LAD den gleichen Aufwand noch einmal getrieben und etwa 100 Meter von der ersten Blockbergung entfernt eine zweite durchgeführt. Der Hügel stand hier noch gut 1,20 Meter hoch, war seltsam quadratisch, mit 40 Meter Kantenlänge. Schon vor gut zehn Jahren hatten Probebohrungen an dieser Stelle Hinweise auf hölzerne Überreste erbracht. 2019 wiederholten die Landesarchäologen das Prozedere. Diesmal aber stießen die Bohrer nur auf geringen Widerstand. Offenbar waren die Hölzer in den wenigen Jahren brüchiger geworden. Wahrscheinlich ist dies einer Bachbegradigung geschuldet, die Überflutungen verringerte, sicherlich auch der Trockenheit infolge des Klimawandels. Eile war geboten.

Noch im Gelände erforschten die Archäologen einen Streifen von einem Meter Breite und geringer Tiefe quer über der Kammer. Sie entdeckten wieder kostbare Bernsteinperlen sowie Metallteile, vermutlich Beschläge eines Wagens. Dass solche Gefährte den frühen Kelten der so genannten Hallstattzeit als Prestigeobjekte galten, belegen beispielsweise das Fürstengrab von Hochdorf (um 540 v. Chr.) oder die Wagengräber aus Hundheim im Hunsrück (um 500–450 v. Chr.). Waren die Landesarchäologen also auf ein Fürstengrab gestoßen? In jedem Fall weckten Holzreste im Sondagegut die Hoffnung, endlich auch Konstruktionsteile eines Wagens zu finden. Normalerweise überdauern nur metallene Komponenten, aus denen man das Aussehen der Fahrzeuge erschließt.

»Menschen kamen dort vorbei und konnten den Toten wie ihren Familien Ehrerbietung erweisen«(Dirk Krausse, Prähistoriker)

Ist die Lage im Stauwasser für Prähistoriker ein Segen, dürfte es die Arbeiter vor mehr als 2500 Jahren vor Probleme gestellt haben. Der Bach Bettelbühl mag damals einen anderen Verlauf genommen haben, nass und grundwassernah war der Erdboden allemal. Keine idealen Bedingungen für einen Grabschacht also. Es gab durchaus andere Möglichkeiten, wie diverse weitere Keltennekropolen rund um die Heuneburg zeigen. Warum also suchten sich die Wohlhabenden ausgerechnet diese feuchte Niederung aus? »In der Römerzeit verlief eine Straße durch das Bettelbühl«, erklärt der Prähistoriker Krausse. »Wir vermuten, dass das auch schon in der Hallstattzeit so war. Und das bedeutet, dass dort Menschen vorbeikamen und den Toten wie ihren Familien Ehrerbietung erweisen konnten.« Grabhügel als Mittel der Repräsentation, Imagepflege in der frühen Eisenzeit.

Dass es sich auf dem an der Donau gelegenen Berg gut leben ließ, wusste man bereits in der mittleren Bronzezeit um 1600 v. Chr. Der Fluss, der Ost- und Westeuropa verbindet, spielte sicher schon damals eine wichtige Rolle als Transportweg für Waren aller Art. Mit dem Einbaum oder Floß ging es einfach schneller voran als zu Fuß oder im Ochsenkarren. Um 1100 v. Chr. übernahm eine Siedlung auf dem 13 Kilometer von der Heuneburg entfernten Bussen die Führungsrolle in dieser Region, vermuten die Fachleute. Laut Krausse unterhielt sie gute Verbindungen zum Federsee und seinen zeitgleichen Pfahlbausiedlungen, schließlich lagen die in Sichtweite, nur zehn Kilometer entfernt. Ihre Einwohner standen schon seit Jahrhunderten mit weit entfernten Regionen in Handelskontakt. Denn der Federsee liegt auf der europäischen Wasserscheide zwischen Donau und Rhein, kleine Flüsse machten ihn in der Bronzezeit zur Drehscheibe des Fernhandels bis weit in den Mittelmeerraum hinein. Warum sollte sich das in der frühen Eisenzeit geändert haben?

Wer fertigte solche Luxusgüter?

Trotz dieser bevorzugten Lage verlor der Bussen aber wohl im Lauf des 7. oder 6. Jahrhunderts v. Chr. seine Bedeutung als Siedlungszentrum. Die Heuneburg wurde erneut bedeutender, wie ein Vergleich von Qualität und Zahl der Funde zeigt. Mehr noch lebte man in einer weiter vernetzten Welt als früher. Das verraten die aus filigranen Golddrähten meisterhaft gefertigten Ohrringe der Fürstin vom Bettelbühl, wie auch ihre kunstvollen Bernsteinfibeln. Ein etwa 40 Zentimeter langes, verziertes Bronzeblech gab den Forschenden Rätsel auf, bis ein Computertomogramm Reste einer eisernen Trense sichtbar machte. Krausse und die Restauratorin Nicole Ebinger sind sich sicher: Es handelt sich um einen Stirnpanzer für ein Pferd.

Ein solcher Kopfschutz war wie auch die Goldtechnik der Schmuckbeigaben einzigartig im süddeutschen Raum jener Zeit. Sie verweisen etwa zu den Kulturen im heutigen Slowenien oder Etrurien. Dass die Fürstin nicht von dort stammt, sondern zumindest ihre Kindertage in der Region Heuneburg verbracht hatte, bestätigen Isotopenmessungen am Zahnschmelz. Zudem verrieten Details der ungewöhnlichen Artefakte trotz ihrer fremdländischen Ausstattung den Einfluss lokaler Traditionen. Schmuck und Stirnpanzer gelten deshalb nicht als Importe, sondern als Produkte einer Werkstatt vor Ort – die allerdings über ein Wissen verfügte, das andere frühkeltische Zentren nicht besaßen.

Vor demselben Rätsel stehen die Landesarchäologinnen und -archäologen auch angesichts der Verteidigungsanlage rund um die Oberstadt der Siedlung, die so genannte Akropolis. Ohne Not hatten die Einwohner hier eine traditionelle Kastenmauer abgerissen und durch eine mehrere Meter dicke Wand aus luftgetrockneten Lehmziegeln ersetzt. Das geschah ab etwa 600 v. Chr. – also zu Lebzeiten der Fürstin vom Bettelbühl. Auf der für Angreifer leichter zugänglichen, der Donau abgewandten Seite ragten etliche Türme wie Verteidigungsbastionen heraus. Vermutlich schützte ein Kalkanstrich das Bauwerk vor Regen – und ließ es weit über das Land leuchten. Dergleichen kannte man damals aber nicht einmal in Slowenien oder Etrurien, sondern allenfalls auf Sizilien und im Orient.

»Griechen, Phönizier, Etrusker, Italiker, Kelten – man kannte einander, tauschte Güter und Ideen aus«(Dirk Krausse, Grabungsgleiter)

Eine Mauer wie keine andere hier zu Lande

Die offizielle Lesart zu dieser schon seit den ersten Grabungen in den 1950er Jahren bekannten, in den 1990er Jahren dann intensiv erforschten Architektur lautet vorsichtig: Sie ist durch Vorbilder aus dem mediterranen Raum inspiriert. Man will und kann sich nicht festlegen. Vielleicht waren Handwerker aus Süddeutschland auf Wanderschaft gegangen und hatten an Fürstenhöfen in der Fremde gearbeitet? Dass man allein auf die eigenen Füße oder einfache Fahrzeuge angewiesen war, muss niemanden daran gehindert haben, die Welt zu sehen. Das in der Ferne Gelernte brachte man mit in die Heimat und verschmolz es mit regionalen Traditionen.

»Wir trauen diesen Menschen so etwas nicht zu, weil wir Hochkultur mit der Entwicklung von Schrift assoziieren«, sagt Krausse. »Das ist allerdings im Grunde die Sichtweise der Griechen und Römer. Für die waren die Kelten der Latènezeit zwar gefürchtete Krieger, aber eben doch nur Barbaren. In der vorausgehenden Hallstattzeit aber gab es vermutlich keinen solchen Dünkel. Griechen, Phönizier, Etrusker, Italiker, Kelten – man kannte einander, tauschte Güter und Ideen aus.«

Selbst wenn es nur Spekulation ist, kann sich der Keltologe auch vorstellen, wie ein solcher Austausch vonstattenging. »Vielleicht hat ein begnadeter Handwerker irgendwo im Mittelmeerraum gelernt, filigranen Goldschmuck zu machen. Aber er hat auch beobachtet, wie man dort Lehmziegel formte, in der Sonne trocknete und dann für monumentale Bauwerke nutzte. Nach seiner Rückkehr fertigte er Schmuck für die Mächtigen der Heuneburg und erklärte seinen Kunden bei passender Gelegenheit: Ach übrigens, ich weiß auch, wie man diese Burg noch besser schützen könnte.«

Die Lehmziegelmauer erinnerte Althistoriker an eine Notiz Herodots, der Mitte des 5. Jahrhunderts schrieb: »Der Istros entspringt bei den Kelten und der Polis Pyrene und fließt mitten durch Europa.« Der Istros, das war die Donau, als Polis bezeichneten die Griechen urbane Gebilde. Zwar liegt die Donauquelle gut 80 Kilometer von der Heuneburg entfernt, aber solche Unschärfen könnten sich eingeschlichen haben, da sich Herodot auf Hörensagen verlassen musste. Nannten die Griechen die Burg und ihr Umland also Pyrene?

Importgüter sind archäologische Mangelware

Ein Fernhandelszentrum, das man sogar in Griechenland kannte, lässt freilich mehr erwarten als nur indirekte Indizien für transeuropäische Beziehungen. Zum Beispiel Importgüter aus anderen Kulturen. Bernsteinschmuck verweist zwar Richtung Ostsee, das Gold jedoch muss nicht aus Etrurien stammen, man könnte es auch am Rhein gefunden haben. Auch die Scherben von Amphoren, die man in der Heuneburg fand, sprechen für Fernhandel, denn in diesen Standardcontainern wurden im Mittelmeerraum Öl, Wein, Getreide und anderes mehr verfrachtet. Doch sie lagen in jüngeren Schichten, nicht in denen der Blütezeit. Bislang herrscht also Fehlanzeige in Sachen direkte Belege für Kontakte jenseits der Alpen.

»Möglicherweise liegen noch Repräsentationsbauten in den unerforschten zwei Dritteln der Akropolis verborgen«(Dirk Krausse)

In einem Punkt scheint sich die Heuneburg der Lehmziegelzeit obendrein von eventuellen Vorbildern der Mittelmeerkulturen deutlich zu unterscheiden, und der irritiert nicht minder: In der Akropolis, immerhin mehr als drei Hektar groß, kamen bislang keinerlei Großbauten zu Tage. Kein Tempel, kein Fürstensitz, nur Werkstätten. Ein ähnliches Bild liefert die etwa halb so große Vorburg. Die war zwar nur von einer Palisade und einem Graben geschützt, dafür aber regelte ein gewaltiger Torbau den Zugang, 16 Meter lang und 10 Meter breit. Um die Wissenschaftler vollständig zu verwirren, stand in der »Außensiedlung« vor diesem großen Tor ein Großbau von 400 Quadratmetern, dessen Aufteilung Etruskologen an zeitgleiche Herrenhöfe in Italien erinnert.

Also eine Akropolis nur für Handwerker? Eine Lehmziegelmauer zum Schutz der Schmiede und Töpfer? »Möglicherweise liegen noch Repräsentationsbauten in den unerforschten zwei Dritteln der Akropolis verborgen«, sagt Krausse. »Doch es würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellt: Das Allerheiligste der Heuneburg-Gesamtsiedlung war in jener Blütezeit tatsächlich ihr Wirtschaftszentrum, und die Elite lebte außerhalb.«

Die »Alte Burg« ist vielleicht der mysteriöseste Fund

Diese Angehörigen der Oberschicht stellt sich Krausse als Großbauern vor, die sich mit einfacheren Landwirten die Außensiedlung teilten – nach aktuellen Schätzungen lebten hier insgesamt 3000 bis 5000 Menschen auf sage und schreibe einem Quadratkilometer Fläche. Was davon bislang ergraben wurde, zeigte kleine und große Gehöfte, die sich voneinander durch Gräben und Palisaden abgrenzten. »Die Leute hatten bis dahin in Weilern und Einzelgehöften gelebt«, erklärt sich Krausse die auf Binnenverteidigung ausgerichtete Struktur. »Mit dem Fernhandel über die Donau gewann die Heuneburg an Attraktivität, es herrschte eine Art Goldgräberstimmung, aber diese Enge war man einfach nicht gewohnt.«

Eine Kultstätte auf der Akropolis, wie man sie von Athen, aber auch von anderen Siedlungen jener Zeit kennt, war vielleicht gar nicht erforderlich. Seit etwa um 800 v. Chr. existierte dergleichen gut neun Kilometer nordwestlich der Heuneburg auf einem markanten Geländesporn: die »Alte Burg«. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des LAD graben dort seit 2014 und brachte Erstaunliches zu Tage. Vom 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr., während andernorts ein paar Dörfer zu dem verschmolzen, was einmal Rom werden sollte, und Homer seine »Ilias« schrieb, trugen die Kelten den Felsen ab oder erweiterten ihn mit Stützmauern und Füllmaterial. Das Ergebnis war ein planes, gut zwei Hektar großes Oval, ergänzt um je eine tiefer liegende Terrasse an den Längsseiten. Eine 13 Meter dicke und mindestens 10 Meter hohe Mauer kontrollierte den Zugang zur Anlage, davor erstreckten sich aufgeschüttete Wälle und ein mehrere Meter tiefer Graben.

Gewohnt wurde dort oben nicht. Skelettreste in einem Schacht lassen vermuten, dass die Alte Burg eine zentrale Kultstätte war, eingebunden in den Heuneburg-Großraum, zu dem außer dem Bussen noch mehrere bislang weniger gut erforschte Siedlungen und Nekropolen gehörten.

Doch weshalb war die Alte Burg so groß? Warum das lang gestreckte Oval? Wieder gehen die Vergleiche in den mediterranen Raum. In Etrurien und Griechenland entstanden in jener Zeit Pferderennbahnen, auf denen man zu Ehren der Götter miteinander die Kräfte maß. Davon künden schriftliche und bildliche Überlieferungen. Der älteste Bericht findet sich in der »Ilias«: Achilles veranstaltete zu Ehren seines im Kampf gefallenen Freundes Patroklos ein Wagenrennen. Auch in Olympia gab es ein Hippodrom, zwei »Stadien«, also etwa 384,5 Meter lang, was zu den 340 Metern der Alten Burg nicht schlecht passt. Doch archäologisch ließen sich bislang nur wenige solcher Stätten nachweisen, und die sind allesamt viel jünger. Befindet sich also die älteste Ruine einer Wagenrennbahn ausgerechnet am Südrand der Schwäbischen Alb?

Eine Wagenrennbahn nördlich der Alpen?

Zu dieser Zeit spielten von Pferden gezogene Wagen bei der keltischen Elite eine große Rolle. Das verraten die Wagenüberreste in Gräbern. Am Fuß des Bussen kam dabei auch ein Figürchen ans Licht, das einen Reiter zeigt. Vermutlich war es einst auf einem Joch oder der Deichsel befestigt. In eisenzeitlichen Gräbern des Alpenraums gab man den Leichenbrand in Situlen genannte Prunkgefäße, und deren Bildschmuck zeigt ebenfalls oft Darstellungen von Streitwagen. Aber dass die Mächtigen der Heuneburg auf einem Bergsporn in Donaunähe ein Hippodrom anlegten, das schien auch den Landesarchäologen zu weit hergeholt.

Also folgten sie mit ihren Spaten einer Felsrippe, die das Plateau teilt. »Wir hofften geradezu, dass sie bis zur Abbruchkante durchgeht«, sagt Krausse. Aber stattdessen endete sie weit davor und teilte somit das Oval analog der »Spina« im Circus Maximus in Rom entlang seiner Längsachse. »Wir haben 2020 ein Symposium zur Alten Burg veranstaltet, auch um alternative Deutungen zu finden.« Doch selbst die ungewöhnliche Lage auf einem Bergsporn bot kein Gegenargument, denn nachgewiesenermaßen führte damals eine für Wagen ausreichend breite Straße hinauf zum Plateau.

»In den letzten Jahren fanden Keltologen öfter Hinweise darauf, dass man versuchte, das Verwesen Hochrangiger durch Einbalsamieren aufzuhalten«(Dirk Krausse)

Vielleicht hilft das neue Grab aus der Bettelbühl-Nekropole mit seinen hölzernen Wagenüberresten weiter. Die Hoffnung, es sei so unberaubt wie das der Fürstin, hat sich allerdings bereits zerschlagen. »Inzwischen sind wir an einigen Stellen fast bis zum Kammerboden vorgedrungen, da herrscht ein Durcheinander von Knochen und Beigaben«, sagt der Grabungsleiter. »Jemand ist also schon in ferner Vergangenheit eingedrungen und hat auf der Suche nach Schätzen wenig Ehrfurcht bewiesen.«

Dennoch darf man noch einiges an Erkenntnissen erwarten, nicht nur zum Pferdewagenkult. So kam zum Beispiel ein dicker Klumpen Kiefernharz im Bereich des Oberkörpers zu Tage. »In den letzten Jahren fanden Keltologen öfter Hinweise darauf, dass man versuchte, das Verwesen Hochrangiger durch Einbalsamieren aufzuhalten«, sagt Krausse. Wahrscheinlich war auch hier eine Frau bestattet worden, dafür sprechen Fibeln aus Bernstein und filigrane Goldperlen, während männertypische Waffen oder Schlangenfibeln ausblieben. Doch in welche Zeit gehört diese Tote? Stand die Lehmziegelmauer damals noch?

Die Heuneburg steigt ab

Um 530/520 v. Chr. wurde sie durch einen Brand zerstört und in dieser Form nicht wiederaufgebaut. Danach verschanzte man sich hinter einer traditionelleren Mauer aus Steinen und Erde. Überhaupt wurde alles irgendwie normaler: Die Hochmögenden zogen auf die Akropolis, die Handwerker in die Vorburg, die riesige Außensiedlung fiel weitgehend brach. Das »etruskische« Großgebäude wurde abgerissen und auf seiner Fläche eine neue Nekropole angelegt.

Wohin zogen all die Menschen? Suchten sie ihr Glück in den neuen Machtzentren wie dem Glauberg in Hessen? Der Neuanfang war wohl ohnehin schon der Anfang vom Ende. Die Heuneburg verlor ihre Strahlkraft, wurde um 450 v. Chr. sogar verlassen. Die Keltologen vermuten: Es hatten sich neue Handelswege etabliert, die den Weg über den Oberlauf der Donau uninteressant machten.

Dass diese Entwicklung nicht ohne Blut und Tränen abging, belegen Skelettreste auf der noch wenig erforschten Ostterrasse zwischen Burgberg und Donau. Gut 180 Knochen- und Zahnstücke hat man dort im Jahr 2012 frei gelegt, die von sechs bis sieben Personen stammten, darunter drei bis vier Frauen, ein wohl männlicher Jugendlicher sowie ein oder zwei Kinder. Dass niemand davon zur Oberschicht gehörte, belegt das Skelett einer 25- bis 30jährigen Frau: Ihre Lendenwirbel waren bereits abgenutzt, sie hatte fünf Zähne verloren, litt unter Karies, Parodontose und einem Wurzelabszess, ihre Nasennebenhöhlen waren entzündet. All dies spricht für ein Leben voller harter Arbeit bei schlechter Ernährung und feuchtkalten Wohnbedingungen. Auch der Tod gab diesen Menschen ihre Würde nicht zurück: Bissspuren deuten darauf hin, dass ihre Leichen von Tieren angefressen und in Teilen verschleppt worden waren.

Handelt es sich um Menschenopfer? Diese Praxis war den Kelten nicht fremd, wie Überlieferungen und archäologische Funde aus Frankreich verraten. »Dafür fehlen jegliche Indizien«, widerspricht der Prähistoriker, »mit einer rituellen Hinrichtung hatte das nichts zu tun.« Dass immerhin 4 von etwas mehr als 30 im Burgbereich entdeckten Pfeilspitzen ausgerechnet im Kontext dieser Skelette ausgegraben wurden, deutet eher auf einen kriegerischen Akt hin. Beweisen lässt sich auch das nicht, denn falls diese Pfeile tödlich waren, haben sie doch keine der noch erhaltenen Knochen getroffen. »Ich persönlich glaube, dass das Bauern waren, einfache Leute aus dem Umland, die bei einer Belagerung zwischen die Fronten gerieten. Aber die Ostterrasse steht ohnehin noch auf der Agenda.«

Weiße Flecken auf der Karte

Das Gleiche gilt für die zwölf Kilometer entfernte »Große Heuneburg«, deren Vorburg ebenfalls 1,5 Hektar umfasste, deren Hauptburg aber mit 5 Hektar deutlich größer war. Sie ist wohl älter und verlor ihren Rang an die Donausiedlung. Genau weiß man es noch nicht, da wartet noch viel Grabungsarbeit. Und bedenkt man all die schon entdeckten und teilweise erforschten kleineren Burgen, Weiler und Gräberfelder, wächst das Siedlungsnetz rund um die Heuneburg auf vorsichtig geschätzt 400 Quadratkilometer; wahrscheinlich reichte ihr Einfluss noch viel weiter. Innerhalb dieses Gebiet profitierten die Menschen von einer zentralen Instanz, die für Sicherheit sorgte.

So bleibt die Heuneburg wohl noch lange ein Puzzle der Menschheitsgeschichte an einem Ort, wo niemand dergleichen vermutet hätte. Hätte sich nicht ein kleines Dorf in Latium aufgemacht, die Welt zu erobern und »barbarischen« Stämmen römische Kultur zu bringen, wer weiß, vielleicht hätte dann ein keltischer Poet die Lieder und Legenden seiner Kultur zu einem monumentalen Epos über die Heuneburg verarbeitet. Vom windumtosten Pyrene würde es handeln, oder wie immer seine Bewohner es nannten. Von leuchtenden Türmen, von denen der Blick weit über das Land ging bis zu den Grabhügeln der Ahnen. Von gefährlichen Wagenrennen hätte jener keltische Homer gesungen, in denen die Besten zu Ehren der Götter gegeneinander antraten. Von schönen Fürstinnen, Helden und einem langen, langen Krieg.

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